Wunschkaiserschnitt - Interview mit Nancy Bujara

Nancy Bujara, geboren 1984, aufgewachsen und wohnhaft in Leipzig, verheiratet, die Liebe gekrönt durch zwei bezaubernde Kinder, aktuell in Elternzeit, tätig als freie Autorin und Bloggerin (www.wunschkaiserschnitt.net), im Jahr 2011 eingetaucht in den hart umkämpften Büchermarkt mit dem Titel "Wunschkaiserschnitt: Für eine selbstbestimmte Entscheidung", weitere Publikationen zum Thema sind bereits in Arbeit – Lebensphilosophie: „Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar!“ (Astrid Lindgren)

1. Wie kamen deine Kinder zur Welt?
Für mich stand schon lange vor meiner ersten Schwangerschaft fest, was ich in Bezug auf das Thema Geburt wollte und was nicht. Eine Mischung aus den Berichten meiner eigenen Mutter, der Erfahrung mit behinderten Kindern während meiner Ausbildung zur Ergotherapeutin und der darüber hinaus fehlenden Identifikation mit dem Geburtsvorgang an sich, ließ mich zu einem Kaiserschnitt tendieren. Dass es dafür ein eigenes Wort gibt, wusste ich bis zu meiner ersten Schwangerschaft aber noch gar nicht. Letztendlich haben mir meine beiden Kinder die Entscheidung aber abgenommen, da sie beide in Beckenendlage sitzen blieben und für mich eine natürliche Geburt damit noch weiter wegrückte, wie zuvor bereits. Doch auch wenn diese und weitere Indikationen darüber hinaus nicht vorgelegen hätten, wäre für mich ein Kaiserschnitt der einzig wählbare Weg gewesen. Sicherheit und Geborgenheit gleichermaßen, Empathie und Vertrauen, die Kontrolle über mich, den Geburtsverlauf und die Möglichkeit, jederzeit abbrechen und auf einen Kaiserschnitt bestehen zu können, diese Optionen mochte mir keine der aktuell möglichen Geburtswege bieten, auch wenn es gerne versprochen wird, die Realität sieht oft anders aus und die Vorstellung in einer für mich unerträglichen Situation gefangen zu sein, war für mich schlimmer, als bei Bewusstsein operiert zu werden. Ich persönlich habe die Kaiserschnitte meiner Kinder als sehr aktiv, selbstbestimmt und emotional erlebt. Vom OP-Team bis hin zur mich begleitenden Hebamme und den Schwestern auf der Wöchnerinnenstation wurde ich hervorragend unterstützt und sie alle haben mir damit die beiden wunderschönsten Tage meines Lebens geschenkt. Bereits nach der Geburt meines ersten Kindes wusste ich, dass ich mich dafür einsetzen möchte, andere Frauen auf ihrem Weg zu begleiten, sie zu beraten, ihnen zu helfen. Der Begriff des Wunschkaiserschnittes wurde spätestens mit dem Veröffentlichen meines ersten Buches 2011 zu einem festen Teil meines Lebens. Rückblickend würde ich heute alles ganz genauso entscheiden und ich bin froh, meinen beiden wundervollen Kindern das Leben geschenkt zu haben. Und auch wenn ich sie nicht durch eigene Kraft natürlich entbunden habe, so habe ich ihnen durch meinen Wunsch eine Familie zu gründen erst ein Leben ermöglicht und sie zu einem Teil meines und das meines Mannes werden lassen. Mit Freudentränen in den Augen denken mein Mann und ich gerne an die Geburtstage unserer Kinder, auch nach Jahren verliert sich die Faszination dieser so wichtigen Stunden für uns nicht. Aus dieser Erfahrung ziehe ich zudem immer wieder meine Energie, auch andere Frauen eine so schöne Geburtserfahrung erleben zu lassen, indem sie ihren ganz eigenen Weg für sich durchsetzen während ich sie dabei ein Stück begleite, auf meine eigene Art und Weise. Wie dieser Weg für sie dann tatsächlich aussieht, spielt für mich keine Rolle, es gibt so viele Geburtswege, wie es Frauen gibt.
 
2. Wie reagierte dein Partner? Stand er von Anfang an hinter deiner Entscheidung?
Für meinen Mann war das Thema Geburt von Anfang an mit unangenehmen, hilflosen Momenten besetzt, er fürchtete sich davor mir nicht helfen zu können, vor seinen eigenen Emotionen dabei, sorgte sich um mich und unsere Kinder. Als er wusste, es wurde ein Kaiserschnitt, wirkte er erleichtert und zufrieden. Auf meine Frage, welcher Weg ihm denn lieber wäre, sagte er zu mir, es ist dein Körper, deine Entscheidung, ich bekäme unser Kind und nicht er und egal, für welchen Weg ich mich entscheiden würde, er würde mir beistehen und alles tun, was er kann, damit es mir gut ginge. Heute, nach dem unsere beiden Kinder da sind und die Geburten Jahre und Monate zurückliegen, lässt er es sich nicht nehmen, mir zu sagen, dass er froh sei über meine Entscheidung, mit der Folge, dass er dadurch auch ein schönes Geburtserlebnis erfahren durfte. Im Gespräch über das Thema Geburt, was bei mir natürlich arbeitsbedingt öfter als bei anderen Ehefrauen auf den Tisch kommt, zeigt er mir eindeutig, dass er froh ist, keine 30 hilflosen Stunden mit ansehen zu müssen, wie ich leide oder vielleicht etwas gegen meinen Willen getan wurde. Letztendlich war es damit nicht nur für mich, sondern auch für meinen Ehemann, und wie sich später herausstellte, auch für meine beiden Kinder, die beste Entscheidung.
 
3. Würdest du wieder einen Wunschkaiserschnitt wählen?
Ja, immer wieder. Wie ich bereits schrieb, verbinde ich mit den Geburten meiner Kinder nur positives. Als auch meine Tochter, wie ihr großer Bruder bereits vor ihr, in Beckenendlage sitzen blieb, war für mich klar, dass irgendetwas nicht stimmen und es einen Grund dafür geben musste, dass sie sich nicht drehten. Meine Frauenärztin teilte diese Meinung und sie riet mir daher auch davon ab, einen spontanen Versuch zu wagen, selbst wenn sich meine Kleine noch drehen sollte. Als Monate nach ihrer Geburt bei meiner Tochter eine Blutgerinnungsstörung festgestellt wurde, auf welche ich derzeit auch getestet werde, wurde mir bewusst, dass sich diese bei einer natürlichen Geburt für sie und für mich gleichermaßen hätte sehr nachteilig auswirken können. In dem Moment war für mich klar, dass ich im Grunde nie eine andere Wahl hatte und ich bin seither umso glücklicher, dass meine Kinder ohne Probleme ins Leben gefunden haben und ich nicht mit Schmerzen an ihre Geburt denke, sondern mit einem Lächeln. Ich würde mich immer wieder so entscheiden, selbst wenn meine vorhandenen Indikationen nicht gewesen wären.
 
4. Wie ging es dir nach dem Kaiserschnitt?
Nach beiden Kaiserschnitten ging es mir den Umständen entsprechend gut. Ich wurde sehr gut im Wochenbett betreut, war schnell wieder selbständig und konnte meine Kinder nach anfänglicher Hilfe auch zeitnah alleine versorgen. Bei beiden Kindern gab es keine Komplikationen. Die Geburt meiner Tochter ist 10 Monate her und wie schon nach meinem ersten Kaiserschnitt merke ich Monate danach nichts mehr davon, dass meine Kinder durch meinen Bauch entbunden wurden, so als wäre es nie passiert. Nur meine dünne verblasste Narbe erinnert noch daran. Mit ihr verbinde ich nur Glücksmomente, denn sie erinnert mich jeden Tag daran, wie meine Kinder in meine Arme fanden. Sicherlich geht es nicht jeder Frau nach einem Kaiserschnitt so gut, jeder Körper ist ja einzigartig und reagiert entsprechend auch individuell auf einen so großen, invasiven Eingriff wie einen Kaiserschnitt, aber die viel verbreiteten Vorurteile von monatelangen Schmerzen kann ich für mich persönlich zumindest nicht bestätigen.
 
5. Hat deine Erfahrung auf dein Umfeld abgefärbt? (positiv? negativ?)
Mein Umfeld weiß, wofür ich mich engagiere und wie meine Denkweise dazu ist. Und während mir von Fremden oft viel Unverständnis entgegen gebracht wurde und wird, stand mein nahes Umfeld von Anfang an hinter mir und so habe ich mein Buch verliehen, Ratschläge erteilt oder ermutigende Gespräche geführt. Selbst meine Großmutter, die in einem Gespräch erwähnte, dass heutzutage zu viele einen Kaiserschnitt für sich wollen, öffnete sich für die Thematik, als ich ihr von meinem Buch erzählte und sie bestellte es sofort und sah danach manches mit anderen Augen. Für meinen Ehemann haben sich dadurch auch ganz neue Dimensionen eröffnet und sicherlich hat der ein oder andere Gedanke auch auf ihn abgefärbt, im positiven Sinne natürlich. Ich berichte natürlich gerne darüber, wie gut und richtig mein Weg für mich und meine Familie war, aber ich bekehre nicht, wer sich jedoch dadurch ein wenig angstfreier und wohler fühlen kann, dem hat meine Erfahrung auch bereits geholfen. Bei allem was ich sage und tue, bin ich mir der Individualität aller Menschen bewusst, mein Erleben ist nicht ihres, es ist nicht übertragbar. Eine Freundin hat ihre beiden Kinder schnell und unkompliziert natürlich entbunden, aber als ihr zweites Kind kurz vor dem Entbindungstermin plötzlich in Beckenendlage saß und sie sich nach einer ersten Spontangeburt mit einem Kaiserschnitt konfrontiert sah, war ich froh, ihr mit meinem Buch und meiner Erfahrung die Unsicherheiten nehmen zu können. Als sich das Kleine dann doch noch drehte, freute ich mich mit ihr. Mein Weg war nicht ihrer, das musste er aber auch gar nicht sein, wichtiger war mir, dass es ihr und ihrem Kind gut ging und sie mit einem schönen Geburtserlebnis nach Hause kommen konnte.
 
6. Warum entscheiden sich Frauen für einen Wunschkaiserschnitt?
Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten, denn, wie ich festgestellt habe, gibt es ebenso viele Gründe wie Frauen, die sich für diesen Weg entscheiden. Verschiedene Erfahrungen, Erlebnisse, Gedanken, Gefühle, Ängste und Wünsche führen letztendlich zu einem konkreten Wunsch. Während für manche schon vor der Schwangerschaft der Weg klar vor ihnen liegt, fällen andere Frauen diese Entscheidung erst während der Schwangerschaft, viele erst nach Überschreiten des Entbindungstermines. Ebenso gibt es Frauen, die sich nach einer ersten Überlegung doch für eine Spontangeburt entscheiden. Die häufigsten Gründe für einen Wunschkaiserschnitt sind jedoch insbesondere:
 
  • bessere Planbarkeit und terminliche Wünsche (z.B. Wunsch der Anwesenheit des Vaters bei Auslandseinsätzen oder Montagetätigkeit, sowie ein bewusstes Vorziehen der Geburt aufgrund von drohenden Sterbefällen in der Familie),
  • Furcht vor Spätschäden wie Senkung, Inkontinenz und Sexualstörungen,
  • Beckenendlage, obwohl eine Spontangeburt möglich wäre und das damit verbundene, verunsichernde Gefühl, dass es einen Grund für die Fehllage des Kindes geben muss,
  • überdurchschnittlich stark ausgeprägte Angst vor dem Wehenschmerz und möglichen Geburtsverletzungen,
  • Angst um die Sicherheit des Kindes,
  • vorheriges Erleben einer Fehl- und / oder Totgeburt,
  • eine vorangegangene, sehr traumatisch erlebte natürliche Geburt oder ein Notkaiserschnitt,
  • Angst vor einem Autonomieverlust im Kreißsaal / zu geringes Vertrauen in das medizinische Personal,
  • fehlende Identifikation mit dem natürlichen Geburtsvorgang,
  • erlebte Gewalt wie körperliche und seelische Misshandlungen oder Vergewaltigung,
  • Krankheiten, die den Verlauf einer Geburt negativ beeinflussen könnten, wie z.B.: Asthma, Rheuma, starke Sehstörungen oder psychische Erkrankungen,
  • lange Kinderlosigkeit und die damit einhergehende stärkere Angst um das oft hart erkämpfte Wunschkind,
  • sehr schmaler Körperbau und ein zu enges Becken,
  • berufliche Erfahrungen im medizinischen oder sozialen Bereich,
  • Überschreiten des Entbindungstermines; fehlende Wehentätigkeit; erfolgloses oder abgelehntes Einleiten über Tage hinweg.
 
Bei den meisten Frauen kommen oft mehrere Gründe zusammen. Die von vielen gerne angeführte Angst vor den Wehen teilen sicherlich viele Frauen, jedoch spielt diese bei dem Wunsch nach einem Kaiserschnitt meist eine eher untergeordnete Rolle, denn den Frauen ist bewusst, dass es eine schmerzfreie Geburt nicht gibt. Auch nach einem Kaiserschnitt haben Frauen Schmerzen und Nachwehen, Schmerzen umgehen lassen sich damit also nicht. Jedoch muss man hierbei zwischen Wundschmerzen und Wehenschmerzen unterscheiden. Beides lässt sich nur bedingt miteinander vergleichen, zumal es unter der Geburt zahlreiche Schmerzbehandlungen geben würde, so wie postoperativ eben auch. Fehlt aber hierbei das Vertrauen in das Geburtsumfeld, wählen viele Frauen lieber den für sie leichter erträglichen Wundschmerz als den meist an die eigenen Grenzen bringenden Wehenschmerz. Angst vor den Schmerzen als einzigen Grund anzuführen wäre hierbei aber viel zu oberflächlich und pauschal. Eine Kombination aus verschiedenen Gründen, die auf eigenen Erfahrungen, Erlebnissen und Erwartungen beruhen, ist oft wegweisend für diese Entscheidung. Wie ich heute aber sagen kann, spielen in die Entscheidung aber auch Persönlichkeitseigenschaften hinein. Frauen, die gerne planen, alles hinterfragen und stets eine gewisse Kontrolle und Sicherheit brauchen, tendieren oftmals eher zu einem Kaiserschnitt, auch wenn sich das, wie so vieles, nicht pauschalisieren lässt.
 
7. Welche Vor- und Nachteile birgt ein Wunschkaiserschnitt für die Mutter?
Wie ein regulär geplanter Kaiserschnitt mit einer medizinischen Indikation, birgt natürlich auch ein gewünschter Kaiserschnitt dieselben Vor- und Nachteile für die Mütter. Während die Mutter die zahlreichen klassischen Risiken einer Operation in Kauf nehmen muss, werden dafür mögliche Geburtsverletzungen wie beispielsweise Dammrisse und –schnitte sowie unerwartete Krankheitsverläufe bei sich selbst umgangen. Nachteile für die Frau ergeben sich zudem auch aus möglichen Komplikationen und Folgeschwierigkeiten für weitere Schwangerschaften, wie beispielsweise Wundheilungsstörungen oder Verwachsungen. Individuelle Vor- und Nachteile kommen dann ebenso noch hinzu. Ein besseres Geburtserlebnis wie bei der vorangegangenen traumatischen Spontangeburt, das Gefühl selbstbestimmt über den Ablauf der Geburt mitentschieden zu haben oder der Gedanke, diesen Weg im Nachhinein zu bereuen, können beispielsweise solche individuellen Vor- und Nachteile sein. Die an vielen Stellen angegebene mangelnde Mutter-Kind-Bindung ist bei einem gewünschten Kaiserschnitt viel seltener ausgeprägt als bei einem ungeplanten Kaiserschnitt. Allgemein können eher ungewollte oder allgemein traumatische Geburtsverläufe die Bindung negativ beeinflussen und weniger ein bestimmter Weg an und für sich. 
 
8. Welche Vor- und Nachteile birgt der Wunschkaiserschnitt für das Kind?
Ein klarer Vorteil für das Kind bei einem Kaiserschnitt ist das Vermeiden perinataler Schädigungen, wie sie bei spontanen Geburten vorkommen können. Hierzu zählen vor allem Nabelschnurvorfälle, Sauerstoffmangel sowie weitere Verletzungen wie Frakturen oder Quetschungen. Dass dies bei einem geplanten Kaiserschnitt passiert ist eher unwahrscheinlich. Kleinere Schnittverletzungen bei einer ungünstigen Lage des Kindes oder Anpassungsstörungen sind jedoch mögliche Nachteile für das Kind. Letztere treten aber auch häufig bei Spontangeburten auf, insbesondere wenn die Kinder zu früh geboren werden. In den wenigsten Fällen braucht ein Kind länger wie ein paar Stunden oder eine intensivere Unterstützung, um diese Startschwierigkeiten aufzuholen. Selbst wenn ein Kaiserschnitt nah am Termin angesetzt wird, kann es für das Kind noch ein paar Tage zu früh gewesen sein, sodass es anfänglich ein wenig Starthilfe benötigt. Das holen die meisten Kinder aber innerhalb weniger Stunden wieder auf. Dies aber vorab zu erkennen ist beinah unmöglich. Neuesten Studien zufolge ist ein geplanter Kaiserschnitt in der 39. Schwangerschaftswoche weder unsicherer noch sicherer wie eine gut verlaufende Spontangeburt, die Risiken wiegen jedoch auf unterschiedlichen Bereichen. Nicht eindeutig belegbare Nachteile wie ein erhöhtes Risiko für bestimmte Erkrankungen, eine mangelnde Mutter-Kind-Bindung, negative Auswirkungen durch den fehlenden Kontakt zur mütterlichen Scheidenflora, sowie Einfluss auf die Entwicklung von Selbstwert und Durchsetzungsvermögen, werden in diesem Kontext zwar oft genannt, sind aber aufgrund ihrer noch unzureichenden Erforschung eher untergeordnet zu betrachten. Dass kranke Frauen häufiger per Kaiserschnitt entbinden, dass sie ihren Kindern bereits durch ihre Gene die Veranlagung zu Krankheiten mitgeben und dies unabhängig von der Geburtsform geschieht, dass sich ein gesundes Selbstbewusstsein vor allem durch Liebe und Geborgenheit entwickelt und daraus ein sich gut durchsetzen könnendes Kind heranwächst und die Scheidenflora auch unabhängig von einer Spontangeburt übertragen werden könnte, spricht zumindest für mich nicht gegen einen Wunschkaiserschnitt.
 
9. Wie verhält es sich mit dem Wunsch nach einer Großfamilie? Wäre das mit Wunschkaiserschnitt möglich?
Ich persönlich würde sagen, es stünde dem eher entgegen. Wer sich mehr wie vier Kinder wünscht, wäre mit Kaiserschnitten allein nicht unbedingt auf der sicheren Seite. Je nach Wundheilung und Folgen wie Verwachsungen, sind bei vielen Frauen nach 2-3 Kaiserschnitten die körperlichen Ressourcen erschöpft. Mitunter raten die Ärzte oft dazu, keine weitere Schwangerschaft anzustreben. Bei dem Wunsch nach vielen Kindern ist dies natürlich weniger von Vorteil. Aus meiner Erfahrung heraus habe ich aber feststellen können, dass viele Frauen mit einem zahlreichen Kinderwunsch eher seltener den Wunsch nach einem Kaiserschnitt äußern und wenn dann oft nach mehreren, oft sehr schönen Spontangeburten, wenn sie im gleichen Atemzug eine Sterilisation anstreben. In diesem Fall spielt der Wunschkaiserschnitt in Bezug auf die Anzahl der Kinder natürlich eine eher untergeordnete Rolle.
 
10. Welchen Vorurteilen begegnen Wunschkaiserschnitt-Mütter?
Die Liste der Vorurteile ist lang. Sie reicht von bequem, oberflächlich und egoistisch bis hin zum gerne erwähnten „to posh to push“, was so viel bedeutet wie zu faul zum Pressen. Frauen, die sich bewusst für einen Kaiserschnitt entscheiden, begegnen nach wie vor vielen Widerständen und das nicht nur in den sozialen Netzwerken oder Internetforen, sondern auch in ihrem ganz persönlichen Umfeld. Nicht wenige landen nach einem desaströsen Beitrag in einem regulären Mütteraustausch in speziellen Foren und Gruppen zum Thema Wunschkaiserschnitt, weil ihnen mitunter verbal so aggressiv begegnet wurde, dass sie oft von ganz allein die Flucht ergreifen und sich gezielt eine Plattform suchen, in der sie unter sich sind. Im Umfeld sind die Reaktionen sehr unterschiedlich. Während manche Frauen überwiegend Zuspruch und Rückhalt erfahren, werden einige auch hier von Vorurteilen erdrückt und nicht selten in eine natürliche Geburt genötigt, die sie im Nachgang oft bereuen. Ohne Rückhalt von den Liebsten fällt es manchen Frauen noch viel schwerer, ihren Wunsch zu verfolgen und auf ihren Bauch zu hören. Die Konfrontation mit den üblichen Vorurteilen verschärft die Situation dabei natürlich noch. Viele Frauen haben bei dem Wort Wunschkaiserschnitt oft eine Blondine im Kopf, die durchgestylt bis zu den Zehen mit ihrem Terminplaner den Kreißsaal betritt und die Geburt plant, als würde sie ein Hotelzimmer auf den Malediven buchen. Zwischen Friseur und Kosmetik wird mal eben ein Kind gequetscht. Meine Erfahrung hat mir dieses Klischee bisher nicht bestätigen können, auch wenn unter den vielen Frauen, die ich seit meinem Eintauchen in die Thematik kennenlernen durfte, eine Menge attraktiver Blondinen waren. All diese Frauen sind nicht egoistisch, im Gegenteil, sie sind informationssüchtig, sie saugen das Wissen nur so auf, sie wollen ganz genau wissen, was auf sie zukommt und die Zusammenhänge verstehen, sie hinterfragen das große Geheimnis der Geburt und wollen ganz bewusst eine Entscheidung treffen, mit der sie zufrieden sind. Ein alles mal eben auf sich zukommen lassen funktioniert für diese Frauen einfach nicht, meist begründet in ihrem Wesen und den Gründen, die sie für den Wunsch mitbringen. Dass sich Vorurteile nicht mal eben so aus den Köpfen wischen lassen, ist verständlich, aber ich bin froh um jeden, den ich eines Besseren belehren kann. Und mit Vorurteilen haben ja auch andere Schwangere zu tun, insbesondere die Frauen, die sich eine Hausgeburt wünschen. Im Grunde ist alles, was sich auch nur eine Handbreit neben der Norm bewegt, Vorurteilen ausgesetzt. Das ist schade, denn es hemmt die eigene Offenheit und macht die Menschen blind für ihren Gegenüber.
 
11. Wie reagieren die Geburtshelfer (Hebammen, Ärzte) auf die Entscheidung?
Die unterschiedlichen Fachkräfte reagieren meist entweder sehr verhalten, verständnisvoll und zustimmend, streng belehrend oder ganz abweisend, es gibt keine pauschale Antwort auf diese Frage, die ich an dieser Stelle geben könnte. Es gibt sowohl unter Hebammen als auch unter Fachärzten alle nur denkbaren Reaktionen. Durch den Austausch mit den Frauen habe ich von beleidigend und persönlich werdend bis entgegenkommend alles gelesen. Ich muss aber sagen, dass insbesondere Hebammen tendenziell eher ablehnend reagieren und eher bemüht sind, die Frauen umzustimmen, als ihnen auf ihrem Weg entgegen zu kommen und diesen gemeinsam zu gehen. Das finde ich sehr schade, denn zeitlich betrachtet, würde sie viel mehr Zeit mit ihr verbringen, als der Arzt, der die Mutter operiert. Vergebene Chancen. Meine eigenen Wegbegleiter haben überwiegend positiv reagiert, aber ich habe auch Ablehnung erfahren. Es ist insgesamt sehr von der persönlichen Einstellung sowie der eigenen Offenheit und Empathie der Fachkraft abhängig, wie diese auf den Wunsch einer Frau reagiert. Auch Erfahrungen, sowohl eigene wie die anderer Patienten und Mütter spielen in die Antwort hinein. Persönlich wünsche ich jeder Mutter eher einen objektiven Umgang mit ihrem Wunsch und ein Ohr, was aufmerksam zuhört, als eines was sich bei einem einzigen Begriff direkt verschließt.
 
12. Was sagst du zum "natürlichen Kaiserschnitt", (z.B. Warten, bis die Wehen einsetzen? Nabelschnur auspulsieren lassen? Seeding - vaginaler Abstrich, der dem Kind zukommt?)
Die Möglichkeit, den Kaiserschnitt so nah am Entbindungstermin wie nur möglich anzusetzen, gibt es und für viele Frauen ist dies auch eine Überlegung wert, allerdings erhöhen sich bei Wehenbeginn einige Risiken bei einem Kaiserschnitt, weshalb viele Ärzte das eher vermeiden möchten. Viele Kliniken gehen aber auch gerne darauf ein, wenn es der explizite Wunsch der Frau ist. Für mich liegt das im Entscheidungsspielraum der Schwangeren, wann, wo und wie sie die Geburt plant und ist damit Teil ihres Selbstbestimmungsrechtes. Für mich persönlich wäre das keine Option gewesen, aber ich finde es gut, dass manche Kliniken auf diesen Wunsch eingehen. Alternativ zum Wehenbeginn, setzen viele Ärzte den Termin auch kurz vor oder auf den voraussichtlichen Entbindungstermin, um dem Baby so viel Zeit wie nur möglich im Bauch seiner Mutter zu geben.
 
Über das Auspulsieren Lassen der Nabelschnur weiß ich momentan noch nicht allzu viel, sehe darin aber kein Problem, und solange es den OP-Ablauf nicht stört, ist sicherlich vieles machbar, wenn es die Frau wünscht. Dazu zählt für mich das Auspulsieren Lassen ebenso wie die Mitnahme der Plazenta oder die Entnahme von Stammzellen. Das sind für mich Details, die alle Eltern für sich allein entscheiden sollten. 
 
Über das sogenannte Seeding habe ich bereits einiges gelesen, stehe dem aber momentan eher noch skeptisch gegenüber. Ich bezweifle im Moment noch die Wirksamkeit eines solchen Abstriches, zeige mich aber für noch kommende wissenschaftliche Untersuchungen absolut offen und lasse mich gerne überraschen, welche Entwicklung dieses Vorgehen noch nimmt.
 
Eine alternative Technik, die mich persönlich sehr überzeugt, ist die Möglichkeit einer Kaisergeburt, bei der die Mutter beim Entbinden ihres Kindes zusehen oder sogar dabei assistieren kann. Gerade bei ungewollten Kaiserschnitten könnte so eine Form der Entbindung ein wenig darüber hinweghelfen, den eigentlichen Weg nicht gehen zu können und einen meist recht kühlen Akt etwas natürlicher und intensiver zu gestalten.
 
13. Wie läuft das mit dem Bonding nach dem Wunschkaiserschnitt? 
Die Art und Weise sowie der Zeitpunkt des Bondings sind von einigen Punkten abhängig. Die Art der Narkose, die internen Abläufe in der Klinik und der Gesundheitszustand von Mutter und Kind sind die wichtigsten Aspekte dabei. In vielen Kliniken wird der Mutter bzw. den Eltern noch im OP ihr Kind zuerst gezeigt und nach der U1 wird es ihr entweder auf die Brust gelegt oder es geht mit dem Vater oder einer Begleitperson zurück in den Kreißsaal, wo es gewogen und vermessen wird. Oftmals übernehmen hierbei die Väter das erste wichtige Bonding, indem sie im Kreißsaal mit nacktem Oberkörper mit ihren Babys kuscheln. Besonders wenn die Mutter per Vollnarkose entbunden hat, ist ihre Rolle dabei umso wichtiger. Sind Mutter und Kind dann wieder vereint auf der Wöchnerinnenstation, liegen die Babys auch weiterhin ganz nah bei ihrer Mama, sodass ein ständiger Kontakt zwischen ihnen möglich ist. Natürlich ist das Bonding erschwert, wenn es Mutter und/oder Kind nicht gut geht, aber auch hier sind die Kliniken oft recht bemüht, diese wichtige Bindung zu fördern. In meinem Fall war es so, dass ich durch die Spinalanästhesie die Geburten meiner Kinder bewusst miterleben konnte. Mir war wichtig, dass sie den ersten Kuss ihres Lebens von mir bekommen, doch ich habe mich dafür entschieden, meinem Mann die ersten Stunden mit seinen Kindern zu schenken und würde dies auch immer wieder so machen. Auf Station waren meine beiden stets nah bei mir und haben meist auch mehr auf mir geschlafen, als in diesen Bettchen in der Klinik. Die Bindung zu meinen Kindern ist sehr intensiv und ich denke heute immer wieder gerne an die Tage zurück, an dem sie in mein Leben gehoben wurden.
 

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